Ich habe eine Weile überlegt, ob ich mich dazu äußern sollte oder nicht. Es geht dabei eindeutig in eine politische Richtung, und Politik ist etwas, was ich aus diesem Blog eigentlich heraushalten möchte. Andererseits betrifft es etwas, was sehr viel mit meiner Tätigkeit als Schriftsteller zu tun hat. Es geht um die Diskussion, die hier in Deutschland nicht zuletzt durch den Wahlkampf der “Piratenpartei” angestoßen worden ist, um die Frage der freien Zugänglichkeit von geistigen Produkten vor allem im Internet. Bevor ich etwas dazu sage, zwei Disclaimer:
1. Ich finde, dass die Vorgehensweise von bekannten Autoren wie Cory Doctorow oder von wichtigen SF-Verlagen wie Baen, vor allem eBooks kostenfrei zum Download anzubieten, sehr sympathisch ist und wohl in beiden Fällen auch letztlich ökonomisch einen Sinn gemacht hat, da viele auf ein gedrucktes und gebundenes Exemplar nicht verzichten wollten bzw. viele sich durch eBooks haben anfixen lassen, Folgeromane, etwa im Falle längerer Zyklen, dann käuflich zu erwerben. No sweat. Das kann klappen, oder auch nicht, und das soll jeder selbst entscheiden. Die Betonung liegt auf dem letzten Halbsatz. Dazu komme ich gleich.
2. Im wissenschaftlichen Bereich, in dem ich auch veröffentliche, sieht die Situation manchmal etwas anders aus als im belletristischen. Hier erscheinen viele Werke von Autoren, die für die Erstellung dieser Werke bereits anderweitig subventioniert wurden: Durch Übernahme von Druckkostenzuschüssen durch öffentliche Geber, durch eine Bezahlung über ein Gehalt für die wissenschaftliche Tätigkeit, durch die fast schon garantierte Abnahme vieler Exemplare durch aus öffentlichen Geldern finanzierte Bibliotheken. Hier ist es zumindest nachvollziehbar, das, was durch Steuermittel finanziert wurde, auch einfacher der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Darauf hinzuweisen ist aber auch, dass es genügend wissenschaftliche Werke gibt, die nicht auf diese Weise alimentiert worden sind und keinerlei öffentliche Förderung erhalten haben. Bei diesen halte ich eine pauschale Freistellung der Veröffentlichung im Internet, ohne entsprechende Vergütung von Autor und Verlag, für mindestens fragwürdig.
Ich möchte hier keine lange Diskussion über den Begriff des geistigen Eigentums führen. Es gibt Leute, die behaupten, das gäbe es gar nicht. Wer sich auf dieser Behauptung versteift, verlässt für ein Gespräch mit mir jede gemeinsame Argumentationsgrundlage. Ich bin jedoch bereit, auf der Basis des deutschen Urheberrechts zu argumentieren. Dieses unterscheidet zwischen dem eigentlichen Urheberrecht und dem Verwertungsrecht. Was die Piraten und ihre Apologeten fordern, ist, letztendlich, das, was Google Books versucht hat, durch die normative Kraft des Faktischen durchzusetzen: Das Urheberrecht als Recht zweiten Ranges irrelevant zu machen, indem man das Verwertungsrecht ad absurdum führt. Die euphemistische Argumentation lautet dann: Nein, das Urheberrecht wollen wir doch gar nicht antasten - wir wollen nur freien Zugang zum Produkt für alle.
Als Lösung für das automatisch auftretende ökonomische Problem - wovon sollen Autoren eigentlich leben, wenn sie ihre Erzeugnisse doch umsonst für alle ins Netz stellen sollen? - werden dann bemerkenswert absurde Modelle wie die sog. Kulturflatrate ventiliert. Das ist im schlimmsten Falle finsterste Gleichmacherei. Wie soll denn wohl das Geld, das durch diese Flatrate erwirtschaftet wird, verteilt werden? Bekommen Dan Brown und Dirk van den Boom etwa die gleiche Summe, unabhängig davon, dass Dan Brown millionenfach gelesen wird, Dirk van den Boom aber nicht? Gibt es eine Kulturbehörde, die anhand von irgendwelchen Kriterien festlegt, welches Werk würdig ist und welches weniger? Soll es so eine Art garantiertes Grundeinkommen für “Kulturschaffende” geben (wer auch immer dann definiert, wer das sein soll)? Eine bemerkenswert alberne Vorstellung: Genauso, wie ich das lebenslange Risiko eingehe, durch die Schriftstellerei meine Zeit zu verschwenden, weil ich nie richtig Geld damit verdienen werde, möchte ich mir die Chance offenhalten, einen Bestseller zu verkaufen und scheißenreich dadurch zu werden. Wie soll das denn klappen, wenn mein Verwertungsrecht nichts mehr wert ist und ich mein Urheberrecht nicht einklagen kann? Nein, nicht alle Schriftsteller träumen vom sozialistischen Ideal des Einheitseinkommens. Wenn meine Romane nicht gelesen werden, dann verdiene ich es, auch ökonomisch an ihnen zu scheitern. Wenn sie gelesen werden, dann verdiene ich es, mein Konto auf diese Art und Weise zu füllen, bis es aus den Nähten platzt. Alles andere wäre Betrug an den Erfolgreichen und Subvention für die Unfähigen und wird von mir auf das Schärfste abgelehnt.
Ich bin froh über die aktuelle Diskussion zu Datenschutz und invasiven Eingriffen eines Schnüffelstaates in den Privatbereich. Aber die unheilvolle Verquickung mit der Forderung nach einer de facto Abschaffung des Urheberrechts ist für mich als Schriftsteller unerträglich.
Weitere Äußerungen dazu wird es von meiner Seite nicht geben. Ich denke, dass ich meinen Standpunkt klar gemacht habe.